Project Description
Hilfe für Kriegsgeflüchtete in Ägypten
Unser Karawani Bruno hat nach unserem Hilfsprojekt im Juni 2026 diesen sehr persönlichen Bericht über diese Zeit in Ägypten geschrieben. Bruno beschreibt darin die Eindrücke, die das Team vor Ort gesammelt hat und wie beglückend und gleichzeit auch bedrückend oftmals die Begegnungen mit Kriegsgeflüchteten aus dem Sudan oder aus Gaza waren.
So klein und doch so wichtig!?
Aus verschiedenen Windrichtungen hat es unsere Karawane der Menschlichkeit diesmal nach Ägypten geweht. Die einen kamen aus Österreich, die anderen aus Deutschland, einer nannte einen tschechischen Reisepass sein eigen, eine andere einen ägyptischen – und schließlich war da noch unsere liebe Kamar aus dem Libanon.
Clownin Anita von „Clowns ohne Grenzen – Deutschland e.V.“ kam mit Kamar aus Beirut, sie hatte dort schon ca. eine Woche Clownshows mit libanesischen Clown-KollegInnen hinter sich.
Was es bedeutet, seinem Beruf und seinem Alltag im Krieg nachzugehen, erfuhren wir so gleich aus erster Hand. Im Zimmer zu sitzen, die Detonationen der israelischen Bomben in den Nachbarvierteln zu hören und zu spüren gehört zum Alltag, ist kaum mehr eine Reaktion wert. „Hörst du’s auch?“, sei die einzige stets gestellte Frage – wie um sich zu versichern, dass man nicht schon völlig irre sei – und danach ab ans Smartphone, schauen, welcher Stadtteil bombardiert wurde, um gleich die dortigen Freunde und Verwandten anzurufen, ob sie unversehrt geblieben sind. „Ändern kannst du dann zwar eh nichts mehr“, meint Kamar, „aber das ist das Einzige, was wir tun können.“
Jetzt ist Kamar erst mal raus aus dem Krieg und Teil unseres bunten Haufens in Ägypten. Sie wird mit ihrer Mutter die nächste Zeit auch hier bei ihrer Schwester in Kairo bleiben. Die Kraft der Gruppe hat uns alle getragen.
Diesmal waren wir mit den Clowns und dem mobilen Malraum nicht in großen Camps für Geflüchtete unterwegs, sondern in eher kleinen Gemeinschafts-Zentren – teils selbstverwaltet durch Geflüchtete, teils durch „UNHCR“ oder „Terre des Hommes“. Dadurch hatten wir vergleichsweise wenig Kontakt zu den Geflüchteten selbst. Auf anderen Reisen verbrachten wir oft auch nach dem eigentlichen Programm noch Stunden mit und bei den Camp-Bewohnern. Die Freude der Kinder an den Clowns und den Stunden des Malens war dennoch vergleichbar groß!
Nicht wenig Zeit hat das Fahren von A nach B in dieser 20-Millionen-Einwohner-Stadt in Anspruch genommen. Mit dem „Uber“-Taxi durch dieses Chaos von Autos, Bussen, Motorrädern – begleitet vom omnipräsenten Hup-Konzert – bekamen wir einen Eindruck der enormen sozialen Gegensätze der verschiedenen Stadtviertel Kairos. Häufig lagen die „Community-Center“, die wir besuchten, in den ärmeren bis armen Stadtteilen. Bewusst war uns auch: Bei all der sozialen Ungleichheit in dieser Gesellschaft, stehen die Geflüchteten ganz unten.
Kriegsgeflüchtete aus dem Sudan müssen gar befürchten, von der Straße weg verhaftet und interniert zu werden. Menschen aus Gaza sind als „Gäste“ geduldet, haben aber keinen offiziellen „Flüchtlingsstatus“. Sie sollen baldmöglichst wieder in ihre Heimat zurückkehren, um Gaza nicht völlig zu entvölkern bzw. dem israelischen Besatzer zu hinterlassen. Staatliche oder internationale Hilfe ist für sie in Ägypten, wie an vielen anderen Orten dieser Welt, nicht vorgesehen.
Interessant war für uns dabei, dass diese Menschen, egal ob aus dem Sudan oder dem Jemen, aus Eritrea oder Gaza, gleich an dritter Stelle der für sie wichtigen Dinge die Bildung ihrer Kinder setzen! An erster und zweiter Stelle steht natürlich das „täglich Brot“ und die Unterkunft, also das Dach über dem Kopf. „Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben müssen, vielleicht sind es viele Jahre. Auf keinen Fall sollen unsere Kinder völlig den Anschluss an unser heimisches Bildungssystem verpassen!“, erzählen uns diese Menschen. Daher wird nach den jeweiligen Lehrplänen der Heimatländer unterrichtet.
Die Schulen müssen größtenteils selbst finanziert werden: über das Schulgeld der Eltern bzw. durch Spenden und Unterstützung der im westlichen Ausland lebenden Landsleute. Die Eltern haben oft nicht das nötige Geld für die Schule und die Unterstützung aus dem Ausland fällt mal mehr, mal weniger und teils ganz aus.
In der Schule des Community-Centers „Zaad“ konnten wir von der „Karawane der Menschlichkeit“ unbürokratisch einspringen und finanzielle Unterstützung leisten. Es hat uns gefreut zu sehen, wie unerwartet unser schnelles Agieren für Aldouma und Thana war, zwei der Gründer dieser sudanesischen Schule. „Andere Hilfsorganisationen fordern eine Unzahl an Dokumenten, Papieren, Zertifikaten und müssen dann noch monatelang in irgendwelchen Gremien beraten, ob sie uns unterstützen können“, erzählt Aldouma. „Bis dahin sind wir vielleicht längst Pleite und haben die Schule dicht gemacht.“ Wir konnten hier zumindest ein paar kleine Samen ausstreuen und hoffen nun, dass sie in Form von langfristiger Bildung für die ca. 260 Kinder aufgehen und Früchte tragen werden.
Sehr betroffen gemacht hat uns der Besuch eines Krankenhauses. Hier sind unter anderem viele, durch israelische Angriffe Schwerverletzte, um nicht zu sagen „verstümmelte“ Menschen aus Gaza untergebracht. Mit viel „Glück“ und weil sie noch transportfähig waren, konnten diese meist jungen Menschen Gaza verlassen, um hier notoperiert zu werden. Eine querschnittsgelähmte Frau Mitte zwanzig, die nur durch die Druckwelle der im Nachbarhaus detonierenden israelischen Bombe an die Wand geschleudert wurde, wodurch ihr Rückgrat gequetscht wurde, ein junger Mann, der Stunden unter Trümmern seines eingestürzten Zuhauses lag, eine andere junge Frau, der eine Granate den kompletten Arm weggerissen hat und die dadurch ihr drei Monate altes Baby nie umarmen wird. Die meisten erzählen, dass die Bomben, Granaten – oder was auch immer – im Nachbarhaus eingeschlagen seien. Denn wenn es das eigene Haus erwischt, überlebt das keiner.
In manchen der Krankenzimmern riecht es nach verfaultem Fleisch, weil sich die amputierten Stümpfe immer wieder entzünden und es an Medikamenten zur Behandlung fehlt.
Oft leben ganze Familien in den Zimmern. Die Kinder oder nächsten Angehörigen der Verletzten durften teils ins sichere Krankenhaus mitkommen und schlafen auf Matratzen auf dem Fußboden.
Das Gelände dürfen sie jedoch alle nicht verlassen, nur in dem kleinen Park des Krankenhauses können sie sich die Beine vertreten. Wer aber keine Beine mehr hat oder aus anderen Gründen nicht gehen kann, ist monatelang ans Bett gefesselt. Es sei denn, man hat wiederum „Glück“ und bekommt einen elektrischen Rollstuhl, der sich per Joystick steuern lässt, und wird so wieder ein klein wenig unabhängiger.
So sind wir zusammen mit Zettel und Stift durch die Krankenzimmer gezogen, um zu notieren, wer was am dringendsten braucht. Daraufhin haben wir Rollstühle, Medikamente, Windeln, Babymilch und sonstige dringend benötigte Dinge gekauft.
Es war ein seltsames Gefühl, als Deutscher diesen Menschen zu begegnen: Der Voyeur aus dem Land, das die Waffen für diese Verstümmelungen an Israel liefert!? Nein, weder wollten wir Kriegsschicksale begaffen noch werden die Waffen aus Deutschland in unserem Namen geliefert.
Aber auch ohne unsere Zustimmung liefert Deutschland einen großen Teil dieser Waffen an Israel, und so ist das, was wir hier sehen, ziemlich direkt: „Made in Germany“!
Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes meist sprachlos und uns war eher nach „kotzen“ anstatt nach reden zumute. Diese Menschen jedoch standen uns sehr aufgeschlossen gegenüber und unsere Beteuerungen, dass dieser Krieg, diese Waffenlieferungen nicht in unserem Namen geschehen, erwiesen sich als überflüssig: „Sonst wärt ihr wohl kaum hier!“, entgegnete uns eine junge, englisch-sprechende Frau auf den Versuch unserer Erklärung, mit einem sehr versöhnenden Lächeln im Gesicht und ihrer Hand auf dem Herzen.
Nun, wieder zurück in Deutschland und Österreich, kehrt neben so manchem Albtraum auch die altbekannte Frage wieder: Was bringt das eigentlich, was wir da tun? Was macht es bei all der Wucht und Brutalität dieser Lebensrealitäten für einen Unterschied, ob wir tun, was wir tun – oder es eben einfach lassen?
Wir werden keinen Weltfrieden herbeizaubern. Wir werden dem Elend kaum etwas entgegensetzen können. Wir werden die globale Ungerechtigkeit damit nicht beseitigen. Und dennoch macht es für die paar hundert Menschen, die wir mit unserer Anwesenheit erreichen konnten, einen enormen Unterschied! Eine Schule zu haben oder nicht, einen Rollstuhl zu haben oder nicht, ein paar Stunden lang alles vergessen, um zu lachen und zu malen oder nicht…
Die Entfernung ist unwichtig, nur der erste Schritt ist schwierig! Und die ersten Schritte hat die Karawane der Menschlichkeit längst getan!
„Wir werden keinen Weltfrieden herbeizaubern. Wir werden dem Elend kaum etwas entgegensetzen können. Wir werden die globale Ungerechtigkeit damit nicht beseitigen. Und dennoch macht es für die paar hundert Menschen, die wir mit unserer Anwesenheit erreichen konnten, einen enormen Unterschied! Eine Schule zu haben oder nicht, einen Rollstuhl zu haben oder nicht, ein paar Stunden lang alles vergessen, um zu lachen und zu malen oder nicht…“




































